Viele Stunden mussten Wladimir Putins Zuhörer warten, ehe der russische Herrscher am Freitagnachmittag zur „Plenarsitzung“ erschien, dem alljährlichen Zentralereignis seines Internationalen Wirtschaftsforums in Sankt Petersburg. Als Putin endlich kam, dozierte er lang und breit über angebliche Erfolge der russischen Wirtschaft, sogar die Staatsfernsehregie zeigte schlafende Besucher im Saal. Dann lieferte Putin schließlich eine Nachricht, die eigentlich auch niemanden mehr überraschen konnte: Er reagierte ablehnend auf einen offenen Brief, den Wolodymyr Selenskyj am Donnerstag an ihn gerichtet hatte, mit einem neuen Angebot des ukrainischen Präsidenten, sich zu treffen. „Elemente der Grobheit“ seien in dem Brief zu erkennen, sagte Putin, es gehe Selenskyj darum, „es unmöglich zu machen, persönliche Treffen abzuhalten“. Er sehe „noch keinen Sinn“ in so einem Treffen, fügte Putin hinzu. Er machte klar, dass zuvor seine Soldaten die entsprechenden Bedingungen dafür schaffen sollten: „An die Arbeit, Brüder!“, rief er seinen Invasoren zu. Den Hintergrund für Selenskyjs Brief bildeten die aus ukrainischer Sicht erfolgreichen Drohnenangriffe auf Sankt Petersburg, die am Mittwochmorgen, kurz vor der Eröffnung von Putins Forum, ein Ölterminal am Hafen der Stadt in Brand gesetzt und nach Kiewer Angaben eine Explosion auf einem Kriegsschiff verursacht hatten, das auf einer Werft der als Marinestützpunkt dienenden Insel Kronstadt lag. In dem Brief nimmt Selenskyj Bezug auf die in den vergangenen Monaten stärker sichtbar gewordene Verwundbarkeit Russlands durch die Ukraine und plädiert auch angesichts dieser Tatsache dafür, sofort Friedensverhandlungen aufzunehmen. Zudem schlägt Selenskyj Putin vor, sich persönlich auf neutralem Boden zu treffen, nannte aber kein konkretes Datum. Selenskyj schildert die Kriegsfolgen für Moskau „Als Sie vor 26 Jahren begannen, Russland zu führen, hatten viele in der Ukraine eine positive Einstellung Ihnen gegenüber“, schreibt Selenskyj. Doch das sei vorbei. „Jetzt nimmt die absolute Mehrheit der Ukrainer positiv wahr, dass unsere Langstreckendrohnen die Eröffnung Ihres Forums in Sankt Petersburg besucht und dabei mehr als tausend Kilometer zurückgelegt haben.“ Und das sei noch nicht das Ende ukrainischer Fähigkeiten. Dann listet Selenskyj all die Konsequenzen des Krieges auf, die nun auch Russlands Bevölkerung zu spüren bekomme: Drohnenangriffe, Inflation, die immensen Verluste an der Front, Angst vor Mobilmachung, endliche Ressourcen sowie Benzinmangel. Tankstellen in Sankt Petersburg und in dem angrenzenden Leningrader Gebiet haben gerade den Verkauf von Benzin beschränkt, ebensolche Schritte gab es zuvor in Moskau und dem Umland der Hauptstadt, in Grenzgebieten zur Ukraine sowie auf der besetzten ukrainischen Halbinsel Krim, wo die Lage aufgrund ukrainischer Drohnenangriffe auf Tanklaster besonders dramatisch ist. Der für Energie zuständige stellvertretende russische Ministerpräsident Alexandr Nowak erklärte den Treibstoffmangel auf Putins Forum mit „außerplanmäßigen Reparaturen“ in „einer Reihe von Raffinerien“, ohne die Angriffe zu benennen. „Wir in der Ukraine wollen keinen dauerhaften Krieg“, schreibt Selenskyj in seinem Brief weiter. Es sei Zeit, ihn zu beenden, und er glaube, dass das auch die Mehrheit der Russen wolle. Er wisse um Putins Pläne, den Krieg auch 2027 und 2028 weiterzuführen. Doch sei es ein Irrglaube, dass die Ukrainer schwach seien oder sich ergeben würden. Er schlage deshalb ein persönliches Treffen auf neutralem Boden vor, etwa in der Schweiz, der Türkei oder in Ländern der arabischen Welt. Putins alte Maximalforderungen Ausgangspunkt für Gespräche sei die derzeitige Frontlinie, schreibt Selenskyj. Lange Zeit hatte er darauf bestanden, dass Russland die besetzten Gebiete räumen müsse, während sich Moskau zwar in den vergangenen Monaten vor allem darauf konzentriert hatte, den ukrainischen Abzug aus den unter Kiews Kontrolle verbliebenen Teilen des Donezker Gebiets zu fordern, aber auch keine seiner übrigen Maximalforderungen zurücknahm. Zugleich fordert Selenskyj einen Waffenstillstand für die Zeit der Gespräche sowie die USA und Europa einzubeziehen, die als einzige wirksame Sicherheitsgarantien sowohl für die Ukraine als auch für Russland geben könnten. Selenskyjs Brief kommt zu einem Zeitpunkt, an dem Putin vielfach herausgefordert ist: An der Front gelingen Russland so gut wie keine Fortschritte mehr, stattdessen greift die Ukraine zunehmend erfolgreich Russlands Rüstungs- und Ölindustrie auch weit im Hinterland an, was auch große finanzielle Folgen für den russischen Staatshaushalt hat. Hinzu kommt, dass die USA sich aus den von ihr vermittelten Friedensgesprächen vorerst zurückgezogen haben. Zum einen, weil sie mit dem eigenen Krieg in Iran beschäftigt sind, zum anderen, weil sie auf russischer Seite keine Bereitschaft zu einem Kriegsende in der Ukraine sehen. Selenskyj hatte bereits in der vergangenen Woche mit Verweis auf die Lage an der Front sowie die eigenen Luftangriffsfähigkeiten erklärt, dass er jetzt ein Zeitfenster sehe, Russland zu Verhandlungen zu bringen. Dieser Ansicht sind derzeit auch viele im Westen, und der amerikanische Präsident Donald Trump sagte nun, dass er es „großartig“ finde, wenn sich Putin und Selenskyj zusammensetzen würden. Russland lässt Selenskyj seit Jahren auflaufen So richtet Selenskyj mit dem Brief den Fokus auf Putin. „Der Präsident hatte noch keine Möglichkeit, sich mit ihm bekannt zu machen“, sagte Putins Sprecher, Dmitrij Peskow, am Donnerstagabend über den Brief, verwies auf forumsbedingte Veranstaltungen und erinnerte an die alte Kremllinie: „Präsident Putin hat gesagt, wenn Selenskyj reden will, dann kann er nach Moskau kommen und das machen.“ So hat Putin wiederholt klargemacht, dass es ihm weiter darum geht, die Ukraine zu unterwerfen. Letztlich lässt Moskau Selenskyj, der einst mit dem Versprechen angetreten war, den Konflikt mit Russland in Verhandlungen mit Putin zu beenden, schon seit vielen Jahren auflaufen. Nur einmal, im Dezember 2019, sind die beiden persönlich aufeinandergetroffen, in Paris im Rahmen des damaligen Normandie-Formats. Neben Putin und Selenskyj verhandelten dort der französische Präsident und die damalige deutsche Bundeskanzlerin über eine Lösung für den Krieg in der Ostukraine. Da hatte Putin schon damit begonnen, die Bewohner der „Volksrepubliken“ von Luhansk und Donezk einzubürgern. Um diese Gebiete ging es auch, als Putin am Donnerstagabend wie jedes Jahr während seines Wirtschaftsforums die Leiter internationaler Nachrichtenagenturen zum Gespräch empfing. Schauplatz des Treffens war der Konstantinpalast, der nur rund sechs Kilometer von dem von den Ukrainern in Brand gesetzten Ölterminal liegt. Befragt, ob er den gesamten Donbass kontrollieren wolle oder bereit sei, „einen Deal zu machen“, hob Putin zunächst hervor, das eine schließe das andere nicht aus. Dann sprach er länger darüber, wie schwach die ukrainische Armee sei, und gab mit Blick auf die Drohnenangriffe auf Sankt Petersburg zu, „manche“ der Drohnen, welche die „westlichen Förderer“ der Ukraine lieferten, „brechen durch“. Dass es sich bei den Langstreckendrohnen um ukrainische Eigenentwicklungen handeln könnte, ließ Putin nicht gelten. Russland habe eine Luftverteidigung, beteuerte Putin. „Ja, wir müssen sie stärken, und das werden wir tun.“ Die Ukraine dagegen habe keine Luftverteidigung, triumphierte der Herrscher, lediglich „einzelne Elemente wie Patriot und andere Systeme“, an denen es der Ukraine aber „katastrophal“ mangele. Anchorage und kein Ende Kurz darauf beteuerte Putin, er sei bereit, sich mit der Ukraine „mit friedlichen Mitteln“ zu einigen, doch „auf der Grundlage, über die wir auf dem Treffen mit Präsident Trump in Anchorage gesprochen haben“. Russland habe seinerzeit „bestimmten Kompromissen“ zugestimmt, mit denen die Ukraine auch einverstanden sein müsse. „Und der Konflikt wird rasch seinem natürlichen Ende zugehen.“ Details zu möglichen Vereinbarungen Trumps und Putins auf dem Treffen im US-Bundesstaat Alaska im vergangenen August waren nicht bekannt geworden. Am Freitag sprach Putin jedoch von angeblich „in Anchorage erreichten Vereinbarungen“ und erinnerte an den Streit zwischen Trump und Selenskyj bei dessen Empfang im Weißen Haus Ende Februar 2025. „Wir haben alle gesehen, wie sich Donald vor den Augen der ganzen Welt um die Erziehung des Autors dieses Briefes gekümmert hat, auf den Dresscode verwiesen hat.“ Nun wolle Selenskyj amerikanische Waffen, aber nicht Trump als Garanten für einen Waffenstillstand, behauptete Putin und machte so klar, dass er weiter ganz auf Trump setzt. Putin verteidigte den früheren deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder, den er am 9. Mai für eine Rolle in Verhandlungen ins Gespräch gebracht hatte. Dieser sei „nicht Putins Freund“, sagte Putin über den früheren Rohstoffvertreter des Kremls, der dieser Tage in einem Moskauer Luxushotel gesehen worden war. Schröder sei vielmehr ein „deutscher Staatsmann und meiner Meinung nach einer der besten, weil er seine eigene Position hat und den Mut, sie zu verteidigen“. Putin pries auch die AfD, aus deren Reihen mehrere Politiker nach Sankt Petersburg gereist waren. Die Abgeordneten der Partei verstünden es, ihre Position klar zu formulieren und ohne Angst dafür zu kämpfen, sagte Putin und verwies auf die Umfragen, welche die Partei vor der Union sehen. „Wir werden mit denen zusammenarbeiten, die mit uns arbeiten wollen.“ Wie auch die AfD, lockte Putin dann deutsche Wähler mit einer Wiederaufnahme von Öl- und Gaslieferungen.
